Neue Zeitschrift für Musik Juli/August 2003

Besprechung Südwest – Presse Ulm:

 

Musik der „Amour Fou"

Grandioser Museumsabend mit Jürgen Grözinger und seinem Ensemble zu Ehren von Max Ernst

 

Bis auf den letzten Stehplatz gefüllt war das Ulmer Museum an seinem ersten langen Museumsabend, der direkt an die aktuell laufende Ausstellung „Max Ernst" gekoppelt war. Zu danken war dies Jürgen Grözinger, dem in Ulm geborenen und mittlerweile in Berlin lebenden Musiker, der, wie Museumsdirektorin Dr. Brigitte Reinhardt zugab, ganz allein die Idee gehabt hatte, den großen Klassiker der Moderne mit einer Mischung von poetischen Texten und Musik zu ehren und so vielleicht auch einem weiteren Publikum zu erschließen.

Im Mittelpunkt der literarischen Darbietung standen teils erläuternde, aber vor allem poetische Texte des Malers selbst sowie ausgesuchte Poesie von mit ihm befreundeten Dichtern aus dem Kreis der Surrealisten. Da der Abend unter dem Leitbegriff „L `Amour Fou" (= die von den Surrealisten zum absoluten Lebensideal stilisierte bedingungslose, wahnartige Liebe) stand, hatte Grözinger vor allem Gedichte, Romanausschnitte und essayistische Fragmente gewählt, in denen es im weitesten und surrealistischen Sinne um die Liebe geht. Diese von dem derzeit am Ulmer Theater engagierten Schauspieler Jan Gebauer exzellent vorgetragenen Texte (einziger Kritikpunkt: vielleicht hätte man sich manchmal einen etwas sanfteren Ansatz gewünscht) waren großenteils direkt in die Kompositionen Grözingers eingearbeitet. Dem so erzeugten spürbaren, suggestiven Sog aus Wörtern und Klängen konnte sich das Publikum kaum entziehen.

Die wohldurchdachte Musikzusammenstellung reichte von Originalkompositionen der klassischen musikalischen Moderne, die ungemein treffend die Pariser Atmosphäre im ersten Drittels des 20. Jahrhunderts spiegelten, über Grözingers Arrangements von einigen Liedern und den berühmten Gnossiennes des Komponisten Erik Satie bis hin zu Eigenkompositionen von Jürgen Grözinger, die großenteils direkt auf die poetischen Texte zugearbeitet waren.

Bemerkenswert die ausgefallene Besetzung mit Geige, Cello, Bassklarinette, Klavier, Vibraphon und Schlagzeug, die den (für derartige Veranstaltungen offenbar bestens geeigneten) neuen Lichthof des Museums in einen ungemein farbigen Klangraum verwandelte.

Die hochmotivierten Musiker des Abends entstammten allesamt Grözingers „European Music Project".

Neben dem zwischen dezenter Begleitung und sanft-lyrischem Vibraphonspiel bis hin zu virtuosem Drum-Solo changierenden Ensembleleiter Jürgen Grözinger selbst, konnten vor allem Marius Sima (Violine) sowie Massimo Mazzone (Klarinetten) ihre mit ungeheurer Musikalität angereicherte, exzellente Spieltechnik unter Beweis stellen.

Bestens geeignet war hierzu die „Suite" für Violine, Klarinette und Klavier (hier Johannes Rieger, routinierter und einfühlsamer Pianist), von Darius Milhaud. Dieses Bravourstück, angereichert mit Elementen der damaligen Unterhaltungsmusik zwischen Pariser Jazzbar und Kabarett, ließ den ersten Teil des Abends mit einem Stück virtuoser Kammermusik zu Ende gehen. Zusammen mit der wunderbar klangschönen und intonationssischeren russischen Cellistin Olga Kotchenkova gelang den Musikern ein homogener Kammermusikklang, der seinesgleichen sucht.

Die besonderen Reize dieser Besetzung zeigten sich nicht zuletzt in Grözingers eigenen Arrangements von Saties Liedern mit Titeln wie „Air du Poète", „Les Anges" oder „Elegie". Girard Rhoden ließ hier mit seinem wunderbar geschmeidigen Tenor kaum mehr vermissen, dass manche der Lieder ursprünglich von der verhinderten Sopranistin Barabara Baier hätten gesungen werden sollen

Alles in allem ein faszinierender Abend und zu Recht ein riesiger Erfolg für alle Beteiligten.

Das Publikum bedankte sich euphorisch.

(Bärbel Holländer, Chefredakteuerin Ebner-Verlag)

 

Südwestpresse 19.7.2014

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