SAMMLUNG STEINLE

SAMMLUNG STEINLE

Informationen zu Kunstwerken

Das Kunstwerk des Monats September 2015

Erich Bödeker, 1966, Höhe 68 cm

Mit der Naivität ist das so eine Sache. Den einen gilt sie als Kennzeichen geistiger Beschränktheit, den anderen als Sinnbild der Unvoreingenommenheit und gar als Gabe: Jener, die Welt frei von geistigen Fesseln und Beschränkungen zu sehen. Auf diesem Nährboden kann Kunst von ungeahnter Klarheit entstehen, mit der Henri Rousseau wegen seines Herzens „voll Unschuld und Wahrheit“ bereits Anfang des 20. Jahrhunderts die Pariser Avantgarde begeisterte.

 

Dass naive Kunst nicht im Wolkenkuckucksheim der kindlichen Weltsicht beheimatet sein muss, hat Erich Bödeker (1904 – 1971) mit seinen über 1000 Skulpturen gezeigt. Der gilt heute als einer der bedeutendsten naiven Bildhauer der Welt und war sein Leben lang alles andere als realitätsfern, was schon allein seiner Herkunft und dem erlernten Beruf geschuldet ist. 35 seiner 41 Berufsjahre hat als Steinhauer unter Tage verbracht, bis ihn seine Staublunge dazu zwang, den Bergmannsjob aufzugeben.

 

Ein echter Ruhrpott-Kumpel sei er gewesen, der den Schalk im Nacken hatte und fluchen konnte wie ein Bierkutscher, erzählt man sich. Aber auch ein offener, optimistischer Mensch mit einem großen Herz für Kinder. Was kein geringerer bestätigt als sein ehemaliger Recklinghausener Nachbar, Hape Kerkeling, der als Kind im Garten von „Opa Bödeker“ zwischen den „märchenhaften Figuren“ des Künstlers spielen durfte: „Ich habe mich immer gut mit ihm verstanden. Seine Plastiken prägen das Bild meiner Geburtsstadt bis heute.“

 

Gut verstanden hat es Bödeker seinem Frührentner-Dasein zu entkommen. Dass er als 55-Jähriger über sein Hobby zur Kunst kam, lag an zwei geschenkten Gartenzwergen, die er potthässlich empfand und der Überzeugung war, das besser machen zu können. „Heute“, sagte er einst, „mache ich vom Gartenzwerg bis zum Elefanten alles.“ Und zwar vornehmlich aus Holz, Stahl, Zement und Beton, alles bunt und wetterfest bemalt. Damit handelte er sich den Spitznamen ein, der „Botero des Ruhrgebiets“ zu sein.

 

Seine ausdrucksstarken Schöpfungen, die samt und sonders eine liebenswürdige Ausstrahlung besitzen, gereichten Erich Bödeker zu Weltruhm. Dessen eigenwilliger Stil, die Mischung aus „Herrgottsschnitzerei, Giacometti und Galionsfigur“ ist sein Alleinstellungsmerkmal und ebenso unvergessen geblieben, wie seine bodenständige Art, seine Kunst zu taxieren. Das haben Günter Steinle und Rolf Glasmeier am eigenen Leib erfahren, als sie gemeinsam den Künstler in Herne besuchten. Steinle hat Bödeker immer noch als einen „ganz liebenswerten, bescheidenen und höflichen Menschen“ in Erinnerung. Beeindruckt von dessen Werken wollte er gleich vier Figuren erwerben: den „Texas-Polizisten“, die „Magd“, den „Christophorus mit Jesulein“ und einen weißen Hirschen. Also berechnete der Künstler den Preis auf einer alten Registrierkasse, die in einem Heustadel stand, und stellte die Materialkosten in Rechnung: „Soundsoviel Holz, eine Sardinenbüchse Farbe, usw...das macht zusammen 95,30 Mark."

 

Ein Preis, den Günter Steinle so nicht akzeptierte: „Wir haben dann auf 200 Mark aufgerundet.“ Mitgenommen hat er trotz dieses Schnäppchens nicht alles, was der Ausmaße des Hirsches geschuldet war, der sich schlichtweg als zu groß für das Auto herausstellte. Ergo bekam das Kunstwild einen Platz in Glasmeiers Garten, wo es heute noch steht.

 

Die Geschichte zeigt, dass Günter Steinle nicht der einzige war, der die günstige Gelegenheit zum Erwerb von Bödeker-Kunst genutzt hat, wie er erzählt: „Eine Woche später kam die Witwe von Ive Klein mit einem Lieferwagen und hat den ganzen Bestand aufgekauft.“

 

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